SHIELDS AGAINST VIOLENCE

 

Auszug aus der Eröffnungsrede im Bayerischen Landtag am 25.März 2015: 

 

„Jeder Mensch weiß, wie ein blauer Fleck oder eine Platzwunde  aussieht. Auslöser ist immer eine Gewalterfahrung. Die körperlichen Folgen einer Gewalterfahrung sind sichtbar. Wie aber sieht es aus mit seelischen Verletzungen? Sie sind unsichtbar und werden  von den Betroffenen oft erst nach Jahren wahrgenommen. Körperliche Verletzungen können geheilt werden, Schmerzen können gelindert werden. Was passiert mit der Seele? Wie, womit, wodurch kann sie geheilt werden? Damit beschäftigt sich die Wissenschaft intensiv seit dem 19. Jahrhundert, vor allem die Geistwissenschaft.

 

Es war 2002, als ich, damals Studentin der Malerei und Grafik Design an der Kunstakademie in Kattowitz, nach dem Symbol suchte, um die unsichtbaren Folgen und Facetten der Gewalt, die selbst für die Gewaltopfer schwer zu benennen sind, visuell darzustellen. Bisherige Darstellungen im Bereich Malerei und Grafik Design schienen für mich nur ansatzweise das zu zeigen, was ich vorhatte, zum Ausdruck zu bringen. Die Sprache der Bilder war mein Werkzeug, und diese Sprache musste ich erweitern, um unbeschreibbare Erlebnisse der Gewalt in  Kunst umzusetzen.

Nach zahlreichen Diskussionen mit meiner Freundin, die damals Psychologie studierte, wies sie mich auf den Begriff  „Schutzschild“ hin. Dieses Symbol erkannte sie in meinen damaligen Gemälden. Dieser Begriff wurde für mich zum Schlüsselwort. Vor 13 Jahren habe ich den Weg der „Schutzschilde“ betreten, den ich bis heute gehe. „Schutzschild“ wurde für mich zum Symbol der weiblichen Psyche, die Gewalt erlitten hatte. „Schutzschild“ ist ein Gegenstand, der den Angriff abwehrt aber auch die Spuren der Gewalt behält und dokumentiert.

Diese Forschung wurde 2010 zum Thema meiner Doktorarbeit an der Kunstakademie in Polen. 2013 bekam der Zyklus „Schutzschilde“ die Auszeichnung der Kunstakademie. Diese Objekte thematisieren u.a. ökonomische Gewalt, häusliche, sexuelle Gewalt, sexuellen Missbrauch an  Kindern aber auch die weibliche Genitalverstümmelung.

In der gesamten Menschheitsgeschichte hatten „Schutzschilde“ unterschiedlichste Formen angenommen. Die alten Römer benutzten z.B.  eine gebogene, runde  Form. Die Wikinger verwendeten einen ganz flachen, runden Schutzschild mit einer Ausbuchtung in der Mitte  als Schutz für die Hand. Ich fügte die zwei Schutzschildformen zusammen, um die Form einer weiblichen Brust nachzubilden.

Schutzschilde waren immer ein männliches Attribut. Die Geschichte der Männer in der Antike ist eng verknüpft mit Heldentaten in Kampf und Krieg, meistens bewaffnet, die man mit Mut und Kraft ,aber auch mit Gewalt assoziiert. Die Schutzschilde, die von Kriegern getragen wurden, sind  sowohl  Attribut des Kämpfers als auch  Synonym des Schutzes. Interessanterweise tragen sie künstlerische Darstellungen der unterschiedlichsten Art. Auf dem berühmten Schutzschild des dunklen Hephaistos ist die Geschichte der Welt dargestellt mit Meeren und Ländern, Dunkelheit und Helligkeit, Sonne und Sternen, aber auch das Leben des einfachen Menschen  in  Frieden und  Krieg.

Aus der griechischen Mythologie kennen wir auch die archetypischen Geschichten von Frauen, die durch das Weben ihr Leben gestalten.  Ariadne erzählt Liebesgeschichten zwischen Göttern und sterblichen Frauen; Penelope webte und trennte das Leichentuch für den Ehemann wieder auf,  damit es nie fertig würde. Damit bewies sie ihre Treue und wollte das Schicksal aufhalten.

Aber der Webrahmen ist ein zu kleiner Rahmen, um die harte Geschichte der Frauen zu erzählen. Der Faden ist eine zu schwache und empfindliche Materie. Man braucht einen stabilen, härteren Stoff, in gewisser Art und Weise männliches Material, das jedoch nicht mit Gewalt assoziiert wird. So wurde die Idee geboren, einer Frau den instabilen Faden aus den Händen zu nehmen und ihr einen Schutzschild zu geben, der sie befähigt, sich vor Gewalt zu schützen, der ihr aber auch die Möglichkeit gibt, die eigene Geschichte zu erzählen. 

Ich benenne meine Schutzschilde als „Chirurgie der Seele“. Der kreative Prozess fängt genau dort an, wo die Befreiung von einem Trauma beginnt. Diese Kunst schöpft direkt aus der Umwandlung der Verletzung in die schöpferische  Kraft und übernimmt die Funktion der chirurgischen Fäden dort, wo man  die Seele nicht  nähen kann, sie übernimmt die Funktion der Schrauben dort , wo man die seelischen Brüche nicht verschrauben kann. Die „Schutzschilde“ zeigen, wie man mit seelischen Verletzungen umgehen kann, wie man Schwäche in Stärke umwandeln kann, wie man aus Tragik einen Triumph machen kann. Hierfür gib es weder Regeln noch Einschränkungen. Wer den schweren, schmerzlichen Weg beschreitet, zwischen der Innenwelt und der Außenwelt eine Beziehung herzustellen, kann eine neue Identität finden, kann aus der Krise eine Chance machen zum künstlerischen Ausdruck, zur menschlichen Weiterentwicklung. 

Von allen Facetten der Gewalt, die ich in meinem Zyklus „Schutzschilde“ thematisiere, ist die schlimmste Form sexuelle Gewalt gegen Kinder. Es gibt keine Entschädigung, die dieses Verbrechen ausgleichen könnte. Das einzige Gegengewicht zu Missbrauch ist die Wahrheit darüber auszudrücken. 

Mein Werk soll dazu beitragen. 

Die Ausstellung „Schutzschilde“ ist die erste Säule dieses Projektes. Die Ausstellung und Vorträge darüber tragen zur Enttabuisierung der Gewalt bei. Die zweite Säule des Projekts „Schutzschilde – Frauen gegen Gewalt“ ist, die„Schutzschilde“ mit  Frauen zu bauen, die Gewalt erlitten haben. Diese Methode sollte gleichzeitig wissenschaftlich unterstützt, erforscht und dokumentiert werden, so dass sie den Betroffenen auf dem Weg der Befreiung kompetent und nachhaltig hilft. Wie notwendig es ist, traumatisierten Menschen jegliche Hilfe und Unterstutzung zu geben, ist allen bewusst. Um diese beiden Projekte umzusetzen, wurde der Verein „Shields Against Violence“ gegründet.  

Ich wünsche mir, dass diese Ausstellung die Menschen anspricht, vielleicht berührt und anregt zum Nachdenken und zum Gespräch, Ich wünsche mir, dass durch die Ausstellung viele Menschen  Antworten, Verständnis und Mitgefühl finden werden – so wie z.B. die zwei Männer die mir ihre schwierigsten Lebensgeschichten neben den Schutzschilden stehend erzählten und weinten. Mein Wunsch ist, dass es uns gelingt, das Projekt Schutzschilde mit betroffenen Frauen zu realisieren und ihre Werke ausstellen zu können sodass viele Menschen, mit der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle sagen können: „Ich umarmte die Kunst als Erlösung und Notwendigkeit“.“
 
 
Agata Norek

© Agata Norek, 2015

 

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Die Geschichten von Männern in der Antike sind Erzählungen von Heldentaten, meist sind sie militaristisch und verbunden mit Stärke, Mut und Gewalt. Sie wurden mit Schwertern geschrieben. 

Die Schilde der Kämpfer sind einerseits Attibute eines Kriegers und Synonyme für Schutz, andererseits, was interessant ist, dokumentieren sie Geschichten. Auf dem sagenumwobenen Schild, welches der finstere Hephaistos schmiedete, wird die Geschichte der Welt dargestellt: die der Gewässer, des Landes, der Dunkelheit und des Lichts, der Wanderung der Himmelskörper, aber auch der Alltag der Menschen im Krieg und im Frieden. Die Szene, welche die Städte darstellt, erwies sich als Zukunftsvorhersage für den trojanische Krieg für Achilleus. 

Aus der Mythologie entspringen auch archetypische Frauenbilder: Ariadne, welche Liebesgeschichten zwischen Göttern und Sterblichen spinnt. Penelope die ein Sargtuch für ihren Mann webte und aufräufelte, damit ihre Liebe bewies und das Schicksal hinauszögerte. Das Spinnen war ebenfalls Aufgabe der Moiren, Weberinnen des Menschenschicksals.

Der Webstuhl ist jedoch ein zu kleiner Rahmen um die schweren Geschichten der Frauen zu erzählen und der Faden ein zu schwaches und zartes Material. Man benötigt eine stärkere und stabilere Substanz, zu einem gewissen Grad maskulin, welche jedoch nicht in Verbindung mit Gewalt steht. So wurde der Gedanke geboren, das Garn in der Hand der Frau durch ein Schild zu ersetzen, welches vor Gefahr schützt aber vor allem von ihrem Schicksal erzählt.

 

Elżbieta Owczarek

(Übersetzung: Viki & Katharina Slupik)

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